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Von Überforderung und unerwarteter Stille

Von Überforderung und unerwarteter Stille

Mein persönlicher Senf zu ein paar persönlichen Themen.

Anfang März habe ich auf Instagram einen Post veröffentlicht, in dem ich ankündige, dass ich nach fast einem Jahr der Funktstille wieder da bin und von nun an wieder mit regelmäßigem Content zu rechnen ist. Ich war voller Energie, Tatendrang und Ideen. Und dann kam alles irgendwie ganz anders.


Seit Mitte März befinden wir alle uns in einer Ausnahmesituation, mit der die eine besser, der andere weniger gut klar kommt und ich schwanke jede Woche zwischen “Ach, alles gut. Ich war sowieso schon immer die meiste Zeit zu Hause.” und “Scheiße, mich überfordert der ganze Mist hier!” hin und her. Es gibt gute Tage, an denen ich gerne aufstehe, mich beschwingt an den Schreibtisch setze, mir die Arbeit leicht von der Hand geht und ich anschließend noch eine Stunde Yoga mache und nicht müde werde, den Hund zu bespaßen.

Und dann gibt es Tage, an denen mir alles zu viel ist, ich am liebsten im Bett bleiben, von niemandem was wissen und im Idealfall einfach nur schlafen möchte, bis das alles vorbei ist. Natürlich sind es auch genau diese Tage, an denen ich mich mit anderen vergleiche und wütend auf mich selbst werde, weil “die anderen” ja viel mehr leisten müssen als ich, weil sie eben Kinder haben, die versorgt und home-geschoolt werden müssen und ich nur einen Hund, der hin und wieder raus und zweimal am Tag gefüttert werden will.

Und obwohl ich diese Doppelbelastung nicht habe, hängt mein Körper gefühlt immer noch im März fest und es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, wo zur Hölle die Zeit geblieben ist, was ich eigentlich die letzten Wochen und Monate getrieben habe. Und um mich herum dreht sich die Welt weiter und ich bekomme das alles nur am Rande mit, habe das mit der Isolation wohl etwas zu wörtlich genommen, bin immer noch damit beschäftigt, in diesem ganzen Durcheinander nicht durchzudrehen.

Tatsächlich habe ich hin und wieder das Gefühl, dass ich langsam eine Art Alltag für mich finden kann. Alleinsein ist schließlich nichts Neues für mich. Als Kind hatte ich nie ein Problem damit, stundenlang alleine in meinem Zimmer zu sein und zu lesen, irgendwann fing ich jedoch an, das Alleinsein zu hassen, während meines Studiums war ich fast jeden Abend irgendwo unterwegs, weil ich es alleine in meinem Appartement nicht ausgehalten hätte. Mittlerweile kann ich es sehr gut leiden, wenn ich ganz für mich sein kann – nicht immer und nicht ständig und das ist auch gar nicht nötig, aber ich kann meine Zeit mit mir selbst sehr genießen und habe auch kein Problem damit, mal tagelang das Haus nicht zu verlassen. (Wobei das mit Hund mittlerweile hinfällig ist, der hätte nämlich sehr wohl ein Problem damit.)

Worauf ich hinaus möchte: Ich bin in der komfortablen Situation einer Introvertierten, die gut mit sich selbst auskommt. Aber auch mir zieht die Isolation Energie, manchmal mehr, manchmal weniger, und das ist okay.


Es ist okay.


Drei Worte, die ich gelernt habe, mir immer wieder in allen erdenklichen Situationen vorzusagen, sind jetzt wichtiger denn je. Nein, ich kann im Moment oft nicht so, wie ich gerne möchte. Ja, ich muss meine Energie an manchen Tagen extrem rationieren. Ja, hin und wieder möchte ich mir einfach die Decke über den Kopf ziehen, obwohl ich am Vortag noch große Pläne geschmiedet hatte. Ja, ich habe in letzter Zeit viele Ideen verworfen, weil ich einfach keine Lust, keine Zeit oder keine Energie hatte. Und das alles ist absolut okay.

Gerade in Zeiten, in denen alles ungewiss ist, alles drunter und drüber geht und niemand so richtig weiß, wann und wie es nun weitergeht, ist es umso wichtiger, achtsam mit sich selbst umzugehen, sich nur so viel zuzumuten, wie man auch wirklich schaffen kann und sich nicht zu verurteilen, wenn das im Moment weniger ist als sonst.

An dieser Stelle muss ich ein bisschen schmunzeln, denn auch ich erinnere mich da regelmäßig dran, obwohl ich eigentlich dachte, es schon aus etlichen ungewissen Phasen meines Lebens verinnerlicht zu haben. Scheinbar greift das Prinzip “einmal gelernt, immer präsent” hier nicht. (Ganz ehrlich, wo tut es das überhaupt? Im Grunde müssen wir doch immer alles wieder ins Gedächtnis rufen oder auffrischen. Warum erwarte ich dann ausgerechnet hier, dass es anders ist?)

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und wenn wir uns in einer Situation mit unbekanntem Ausgang wiederfinden, in der alles irgendwie anders und ungemütlicher ist als zuvor, stoßen wir schon mal an unsere Grenzen und gerade dann ist es wichtig, sich a) nicht noch weiter zu verunsichern (oder verunsichern zu lassen) und b) ganz besonders achtsam mit sich und den eigenen Energiereserven umzugehen. Deswegen habe ich mich inzwischen damit arrangiert, dass ich weniger schaffe, als ich mir vorgenommen hatte, ich öfter und längere Pausen brauche und ganz offen kommuniziere, wenn meine Grenze erreicht ist.

Während ich das hier aufschreibe, komme ich zu dem Schluss, dass das auch ganz allgemein eine verdammt gesunde Einstellung ist und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass auch wieder Phasen mit mehr Energie, mehr Inspiration und mehr Schaffenskraft folgen werden, auch wenn die vielleicht ein wenig auf sich warten lassen könnten. Und das ist absolut okay.

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