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Was hat Essen mit Selbstliebe zu tun?

Was hat Essen mit Selbstliebe zu tun?

Was hat Essen eigentlich mit Selbstliebe zu tun?

Disclaimer: Ich bin Ernährungsberaterin, keine Ärztin oder Psychologin. Solltest du merken, dass es dir körperlich (ernährungsbedingte Erkrankungen, Allergien, … ) oder seelisch (psychische Belastungen, Essstörungen, …) nicht gut geht, suche bitte unbedingt entsprechende Fachleute auf!

Unsere Essgewohnheiten können einiges über unsere Lebensweise verraten: wie gestresst wir gerade sind, ob wir gerne Neues ausprobieren, wie wichtig uns gewisse Aspekte der Ernährung sind und manchmal auch, wie es um unsere Selbstwertschätzung steht.

“Ach, es lohnt sich doch gar nicht, für mich alleine zu kochen.”
“Das Stück Kuchen muss ich heute Abend direkt wieder abtrainieren.”
“Ich würde dieses Rezept gerne mal ausprobieren, aber das krieg ich bestimmt sowieso nicht hin.”

Hast du dir einen oder mehrere dieser oder ähnlicher Sätze schon einmal selbst gesagt? Falls ja, bist du nicht allein. Ich habe vor allem den ersten Satz eine Zeit lang verwendet und war der festen Überzeugung, dass das einfach nur damit zusammenhing, dass ich keine Lust darauf hatte, für eine Person zu kochen und hinterher alles spülen zu müssen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Wie gut kannst du dich leiden?

Wenn ich nicht für mich alleine kochen möchte, impliziert das auch, dass ich mir den Aufwand nicht wert bin. Wenn es darum geht, für mehrere Personen zu kochen, müssen hinterher schließlich genauso Töpfe oder Pfannen gespült werden. Natürlich gibt es auch Situationen und Phasen, in denen es wirklich nur darum geht, sich nicht (noch mehr) zusätzliche Arbeit zu machen als ohnehin schon da ist. Gerade in schwierigen Lebensabschnitten fehlt oft die Energie, sich zum kochen aufzuraffen und dann gibt es auch bei mir Fertigfutter aus der Tiefkühlabteilung oder Pizza vom Lieferdienst.

Wenn du es aber auch abseits solcher Zeiten nicht einsiehst, für dich alleine ein leckeres Gericht zu zaubern, obwohl du sonst für andere gerne kochst, kannst du dich einmal fragen, wie wichtig du dich selbst nimmst. Es geht hier nicht darum, von heute auf morgen jeden Tag in Begeisterungsstürme auszubrechen, wenn du dich selbst im Spiegel siehst, auch wenn das eine ziemlich schöne Vorstellung ist. Vielleicht gelingt es dir aber, dich selbst nach und nach mehr wertzuschätzen. Du hast ein großartiges Menü verdient, glaub mir! Und wenn es wirklich nur um’s Spülen geht: Dein Lieblingsrestaurant bekocht dich auch gerne.

Bist du dir selbst gut genug?

Gerade in der heutigen Zeit wird uns immer wieder von allen Seiten gepredigt, dass wir uns selbst optimieren müssten: ein neuer Null-Kalorien-Diätdrink hier, der 30-Klingen-Superrasierer da und über allem thront die Anti-Aging-Creme, die uns wieder zu Babyfaces machen soll. Wir kriegen von allen Seiten gesagt, dass wir so wie wir sind, nicht gut genug sind. Mir persönlich geht das inzwischen so sehr auf die Nerven, dass ich Filme fast ausschließlich bei Streaminganbietern anschaue oder, wenn es mal was im Fernsehen gibt, die Werbung stumm schalte und mich in der Zeit mit was anderem beschäftige. Ich mach da nicht mehr mit!

Und genau das möchte ich dir auch gerne ans Herz legen, wenn sich nach einem Stück Kuchen, der (halben) Tafel Schokolade oder einer Tüte Chips diese fiese Stimme meldet und dir sagt, dass du die Kalorien jetzt aber sofort wieder abtrainieren musst: Mach den Ton aus! Diese Stimme spiegelt nämlich nur in ganz, ganz seltenen Ausnahmefällen unsere tatsächlichen Gefühle wider, sondern ist ein Zusammenschnitt dessen, was uns Werbung und Gesellschaft weismachen wollen. Je mehr du dir selbst gut genug bist, desto häufiger gelingt es dir, diese Stimme zu ignorieren.

Was denkst du über dich?

Stell dir vor, du wärst eine Freundin von dir selbst. Was würdest du über dich denken? Würdest du einer Freundin sagen, sie sei unfähig oder dumm? (Falls du jetzt mit Ja geantwortet hast, empfehle ich wärmstens ein Kommunikationstraining oder eine Prise Empathie (Auch das kann man lernen.))

Ich habe im Laufe meines Lebens Gesprächsfetzen und Ereignisse in meinem Kopf abgespeichert, in denen ich mich in irgendeiner Form blamiert oder einen Fehler gemacht habe. Das menschliche Hirn ist so konzipiert, dass sich negative Erlebnisse besser einprägen als positive und so ist es nicht verwunderlich, dass wir mit der Zeit gewisse Glaubenssätze über uns selbst annehmen. Einer davon ist, “Das kann ich doch eh nicht.”, und der hat mich sehr, sehr lange begleitet (und tut es manchmal immer noch) und dafür gesorgt, dass ich viele Dinge gar nicht erst ausprobiert habe – aus Angst, sowieso zu versagen.

Jetzt ist Kochen normalerweise kein besonders großes Lebensereignis. Trotzdem begleiten uns solche Glaubenssätze auch hier und die in ihrer Tiefe zu erkunden und irgendwann aufzulösen kann ein ziemlich langer Prozess sein. Mein Tipp (der diesen Prozess übrigens wunderbar unterstützen kann): Einfach trotzdem machen! Du hast noch nie dieses bestimmte Lebensmittel verarbeitet und weißt nicht, ob das so klappt, wie es soll? Wunderbar! Tu es!

Mut und Experimentierfreude in der Küche sind tolle, weil ziemlich sichere erste Schritte zu mehr Selbstvertrauen. Wenn das Gericht am Ende nicht schmeckt, wartet mindestens ein Ersatz-Snack im Brotkasten oder die Telefonnummer vom Lieblingsrestaurant an der Kühlschranktür. (Hat man da heutzutage eigentlich noch die ganzen Flyer hängen?) Im Allerbesten Fall steht ein leckeres, neues Gericht auf dem Tisch. Zusammen mit ein bisschen Stolz und Selbstvertrauen.

Essen ist so viel mehr als die reine Zufuhr von Energie und Nährstoffen. Wenn wir die Muster hinter unserem Essverhalten aufdecken, können wir uns nicht nur selbst besser kennenlernen, sondern auch anfangen, alte Muster zu durchbrechen und unsere Freude daran wiederzuentdecken.

COPYRIGHT 2020 Natalie Streichardt

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